Kreisel statt Ampel - über Verkehrspolitik gelernt: ein Praktikumsbericht - ADFC Münsterland

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Münsterland e. V.

Kreisel statt Ampel - über Verkehrspolitik gelernt: ein Praktikumsbericht

Was macht ein Soziologie- und Philosophiestudent beim ADFC? In meinem Fall: sich ziemlich intensiv mit einem Kreisverkehr beschäftigen.

Lux und Matthias überreichen Jan-Luis (mitte) zum Abschluss ein Geschenk. @ Norbert Bieder

Ich bin Jan-Louis, Student an der Uni Münster, und absolviere für meinen Bachelor in Soziologie gerade ein sechswöchiges Praktikum beim ADFC. Seit einiger Zeit interessiere ich mich für Verkehrspolitik und Fragen der Mobilität. Lange Zeit wusste ich von diesem Thema wenig bis nichts, aber über Social Media (hier ist insbesondere der populäre englischsprachige Youtube-Kanal Not Just Bikes zu nennen) bin ich vor einer Weile auf die politische Relevanz der Verkehrswende aufmerksam geworden und wurde mehr und mehr für dieses Thema sensibilisiert. Mittlerweile ist nachhaltige Mobilität für mich zu einem der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen der Gegenwart geworden, wie auch meine Freund*innen bestätigen können, denen ich damit regelmäßig auf die Nerven gehe. Ich habe es irgendwie sogar geschafft, Verkehrsprobleme in meine Bachelorarbeit im Fach Philosophie(!) unter dem Thema „Entfremdung vom öffentlichen Raum“ einzubringen! Deshalb war es ein Glücksfall für mich, dass wir die Stelle für unser Pflichtpraktikum in Soziologie sehr frei auswählen konnten – statt also trockene Arbeit in einem Statistikinstitut verrichten zu müssen oder dergleichen, durfte ich meinem Interesse folgen und beim ADFC mitmachen.

Kreisel statt Ampel

Mein Praktikum nehme ich daher vor allem als Gelegenheit wahr, mich verkehrspolitisch weiterzubilden und das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Mein Schwerpunkt liegt dabei definitiv auf dem aktuellen Bürgerbegehren „Kreisel statt Ampel“, das vor allem den Münsteraner Leser*innen des Leezenkuriers ein Begriff sein sollte. Falls nicht, hier die Kurzfassung: der Kreisverkehr an der Von-Esmarch-Straße in Richtung Gievenbeck soll nach Ratsbeschluss der Stadt Münster durch eine Ampelkreuzung ersetzt werden. Das Bürgerbegehren, welches der ADFC unterstützt, wendet sich gegen diesen Umbau und setzt stattdessen auf den Erhalt und die bauliche Verbesserung des Kreisverkehrs. Das Begehren ist erfolgreich, wenn knapp 10.000 gültige Unterschriften gesammelt sind – dann müsste sich der Rat noch einmal mit der Thematik befassen, gegebenenfalls käme es zu einem Bürgerentscheid.

Dabei ist es mir wichtig, dieses Thema nicht nur aus einer Aktivistenperspektive kennenzulernen, sondern auch möglichst genau zu verstehen, worin die Sachlage besteht und welche Argumente sich für die Pro- oder Contra-Seite anführen lassen. Zwar bin ich relativ bald in medias res gegangen und habe mit dem Sammeln von Unterschriften begonnen, aber parallel habe ich viel Zeit darauf verwendet, möglichst tief in die Materie einzutauchen: Ich habe das Verkehrsgutachten zur geplanten Ampellösung, politische Änderungsanträge, die Argumente des Bürgerbegehrens und weitere Informationen zur Verkehrssituation gelesen. Vor allem in den Gesprächen mit den Expert*innen der Fachgruppe Radverkehr aber habe ich viel gelernt und gemerkt, wie tief die Sach- und Ortskenntnisse unserer ADFC-Aktiven gehen, die sich schon jahre- oder jahrzehntelang mit Verkehrspolitik befassen. Damit ist mein Halbwissen aus Internetvideos (zum Glück) noch nicht vergleichbar.

Meine marketingtalente sind noch ausbaufähig

Einige der notwendigen Sachkenntnisse haben sich mittlerweile auch bei mir eingestellt, zumindest was den einen Kreisverkehr betrifft, um den es geht. Draußen beim Unterschriftensammeln muss man dieses Wissen allerdings wieder auf ein erträgliches Maß herunterbrechen – unter dem Stichwort ‚Komplexitätsreduktion‘ ist das übrigens auch ein bekanntes Thema in der Soziologie. Leuten auf der Straße kann man kein längeres ungefragtes Referat über die Vorzüge oder Übel einer Ampelkreuzung halten. Es ist nicht immer leicht, sich kurz zu fassen. Wenn man andere überzeugen will, muss man pragmatisch bleiben, sein rhetorisches Geschick einsetzen und vor allem herausfinden, was das Gegenüber eigentlich interessiert. Ich bilde mir ein, Passant*innen mittlerweile eine halbwegs knackige Kurzfassung des Problems liefern zu können, aber meine Marketingtalente sind sicherlich noch ausbaufähig.

Was für mich interessant ist, gerade aus soziologischer Perspektive: Die Menschen, die wir ansprechen, reagieren sehr unterschiedlich. Manche Leute wollen sofort unterschreiben, andere zieren sich und wollen umworben werden, manchmal sogar über längere Zeit. Einige sind sehr interessiert am Thema und wollen in die Tiefe gehen, andere scheinen ‚einfach so‘ zu unterschreiben. Mehr als einmal wurde zunächst über den Kreisverkehr geredet, bevor ich mir die halbe Lebensgeschichte meines Gegenübers anhören konnte. Es gibt auch soziale Milieuunterschiede, die ich beobachten konnte: Die Studierendenschaft Münsters beispielsweise ist vor allem für unsere Argumente in Bezug auf Flächenverbrauch, Fahrradinfrastruktur und Verkehrswende empfänglich, während sich das bürgerliche Publikum oft eher auf das fiskalische Argument bezieht, d. h. die höheren Umbaukosten der Ampel als Hauptargument nimmt. Die meisten Konversationen sind freundlich, nur selten kassieren wir unfreundliche Äußerungen. In manchen Konversationen mag man sich seinen Teil denken – man sollte aber in jedem Fall ernsthaft bleiben und die jeweiligen Interessen und Argumente des Gegenübers ernst nehmen. Diese Heterogenität findet sich übrigens auch auf unserer Seite des Infostands: Die Menschen, die Unterschriften sammeln, kommen aus unterschiedlichen Kontexten, sind unterschiedlich tief in die Materie eingearbeitet und engagieren sich aus unterschiedlichen Gründen gegen den Umbau. Auch wir haben also nicht alle dieselbe Geschichte, warum wir hier stehen.

Die Resonanz beim Sammeln finde ich bislang ermutigend. Gerade vor Ort in Gievenbeck sind viele Menschen bereits informiert und wollen nur noch wissen, wo sie unterschreiben können. Viele nehmen sich eine Liste mit und sammeln in ihrem persönlichen Umfeld (was ich auch aufmerksamen Leser*innen dieser Zeilen empfehlen kann!). Wie viele Unterschriften inzwischen tatsächlich zusammengekommen sind, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht wirklich sagen: Die Listen liegen dezentral bei vielen verschiedenen Stellen und werden nach und nach zurückgegeben und gesammelt. Ohne einen festen Zwischenstand, auf dem wir uns ausruhen könnten, gilt es also bis zuletzt, die Unterschriftenanzahl zu maximieren. Bis zum Ende des Bürgerbegehrens Mitte September bleibt also noch einiges zu tun. Ich bin von der inhaltlichen Richtigkeit unseres Anliegens fest überzeugt und optimistisch, dass wir die nötige Zahl erreichen.

Bin optimistisch was die 10.000 Unterschriften angeht

Neben dem Kreiselthema bekomme ich während meines Praktikums natürlich auch einen Einblick in die übrige Arbeit und Organisation des ADFC: in die Fachgruppen, die Arbeit in der Geschäftsstelle, Social Media, den Austausch mit Politik und Verwaltung und die ehrenamtlichen Strukturen des Verbandes. Im Juli durfte ich auf Exkursion nach Bonn mitfahren und vor einigen Tagen konnte ich mir live anschauen, wie der Pflasterstein vor der Fietserei geschliffen wurde. Das verkehrspolitische Thema ist aber mein Schwerpunkt, und so besteht mein Praktikum vor allem aus dieser Mischung: mich so breit und tief wie möglich ins Thema einlesen, über Verkehrspolitik diskutieren, Unterschriften sammeln und versuchen, Fragen der Verkehrsführung in Münster-Gievenbeck so zu erklären, dass sie in einer Minute verständlich werden. Ich erwäge übrigens sehr ernsthaft, nach Abschluss meines jetzigen Studiums Stadtplanung im Zweitstudium zu studieren – insofern ist dieses Praktikum für mich eine gute Gelegenheit, diesem Interesse einmal praktisch nachzugehen.
Jan-Louis Wichtrup


https://muenster.adfc.de/neuigkeit/kreisel-statt-ampel-ueber-verkehrspolitik-gelernt-ein-praktikumsbericht

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